"Mit einem Zahlverfahren die Nummer eins werden"

14.05.2021

Banken und Sparkassen starten jetzt das einheitliche Online-Payment direkt vom Girokonto für Kunden der deutschen Banken und Sparkassen. DSGV-Vorstand Joachim Schmalzl erklärt, welche Vorteile das für Sparkassenkunden und Sparkassen hat - und was er von den Instituten erwartet.

1. Vorteile für Kunden und Sparkassen

Herr Schmalzl, was bringt es den Sparkassenkunden, wenn die Sparkassen und Banken – wie jetzt angekündigt – ihre Payment-Marken zusammenführen?

Joachim Schmalzl: Wir verbinden in Giropay neu die Vorteile von Giropay in seiner bisherigen Ausprägung (Giropay alt), also die einfache Nutzung des Onlinebankings, mit derjenigen von Paydirekt – nämlich der hohen Händlerreichweite mit rund 23.500 E-Commerce-Shops in Deutschland.

Die Sparkassenkunden können künftig einfacher und häufiger mit einem Verfahren zahlen, das direkt am Girokonto hängt. Sie erhalten mehr Transparenz über ihre Zahlungsvorgänge, egal, ob sie im Geschäft oder im Internet einkaufen – oder ihren Freunden per App Geld überweisen. Ein separates Nutzerkonto wie bei Paypal oder Klarna ist nicht erforderlich.

Das Bezahlen wird deutlich einfacher: So können die Kunden mit ihrer Onlinebanking-PIN die Transaktionen auslösen. Und der Handy-zu-Handy-Zahldienst Kwitt wird unter der Marke „Giropay Geld-Senden“ für noch mehr Kunden zugänglich, egal, wo diese ihr Konto haben.

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Die Kreditwirtschaft führt im Projekt #DK die Online-Bezahlverfahren Paydirekt und Giropay sowie das P2P-Verfahren Kwitt unter der Marke Giropay („giropayNeu “) zusammen. Die E-Commerce Lösungen Giropay und Paydirekt waren bereits Ende 2020 im Unternehmen Paydirekt GmbH zusammengeführt worden. Nun wird auch der Geldsendedienst Kwitt angebunden. Das Ziel: Künftig können Kunden überall dort mit ihrem Girokonto zahlen und einfach Geld senden, wo die neue Marke Giropay akzeptiert wird – egal ob sie für das Verfahren registriert sind oder das Onlinebanking nutzen. 

Bestandskunden werden in den kommenden Monaten an das neue Giropay herangeführt; Sparkassen sowie die Paydirekt-Händler stellen auf die neue Marke um. In der Übergangsphase können Käufer bei Paydirekt-Händlern bereits mit beiden Varianten, entweder mit Onlinebanking-Zugang oder zum Beispiel mit E-Mail-Adresse als Benutzername, zahlen.

Welche Vorteile haben die Sparkassen? 
Wir sortieren unser Angebot und schaffen die Voraussetzung, um den Marktanteil der Sparkassen im E-Commerce auf ein angemessenes Niveau zu bringen. Zudem wird die Wertanmutung des Girokontos gestärkt, weil der Kunde mit unseren Zahlverfahren über sein Konto in viel mehr E-Commerce-Shops als bisher bezahlen kann. Das eröffnet Aussichten auf zusätzliche Erträge. 

Wo liegt der Sparkassen-Marktanteil im E-Commerce aktuell – und wo wollen Sie hin?
Mit unseren heutigen Zahlverfahren Paydirekt und Giropay haben wir kleinere einstellige Marktanteile, wollen aber mittelfristig auf einen zweistelligen Marktanteil kommen. Wobei es neben Giropay neu noch weitere Projekte gibt, die den Marktanteil im E-Commerce befördern sollen. 

Unser Ziel liegt bei einem dem Marktanteil der Sparkassen im Girokontogeschäft entsprechenden Anteil bei der E-Commerce-Nutzung zwischen 30 bis 40 Prozent. Dafür brauchen wir Giropay neu, aber auch weitere für Kunden und Händler relevante Lösungen.

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© DSGV

„Wir sortieren unser Angebot und schaffen die Voraussetzung, um den Marktanteil der Sparkassen im E-Commerce auf ein angemessenes Niveau zu bringen.“ Joachim Schmalzl, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

2. Empfehlungen an die Häuser

Was empfehlen Sie jetzt den Sparkassen? 
Die Sparkassen sollten die Markteinführungskonzepte nutzen, die wir mit dem Gemeinschaftsunternehmen GISZ als Betreuer der Sparkassen für die E-Commerce-Zahlverfahren entwickelt haben. Gut wäre es, wenn auch die Mitarbeiter ihren Kunden das neue System und die neue Marke näherbringen können, zumal sie Rückfragen leicht beantworten können.

Es wäre auch hervorragend, wenn viele Mitarbeiter selbst das neue Giropay nutzen und sich als Botschafter zur Verfügung stellen könnten. Wir brauchen Schwung, um das System nach vorne zu bringen. Immerhin wollen wir bis zum Ende des Jahres mit dem Projekt „durch sein“.

Wie bewerten Sie die Teilnahmebereitschaft der Sparkassen? 
Bei allen unseren Verfahren – selbst bei Apple Pay – ist nicht jede Sparkasse dabei. Auch bei Paydirekt oder Kwitt ist das so. Jedes Haus trifft seine dezentralen Entscheidungen vor Ort. Aber ich glaube, dass uns alle die Einsicht eint, dass wir, wenn wir unser Girokonto schützen wollen, auch angemessene Zahlverfahren zur Verfügung stellen müssen. Und die sind umso wirkungsvoller, je mehr Sparkassen mitmachen.

 „Es wäre hervorragend, wenn viele Mitarbeiter selbst das neue Giropay nutzen und sich als Botschafter zur Verfügung stellen könnten.“ 

Masse ist hier Klasse. 
Logisch. Je mehr Sparkassen mitmachen, desto eher ändern wir die Zahlungsgewohnheiten und können den Handel auf der Akzeptanzseite überzeugen, unsere Zahlverfahren nach oben zu priorisieren. Die Verfahren müssen schließlich im Handel für den Endkunden sichtbar sein. 

Gibt oder gab es Gründe für eine etwaige Zurückhaltung aufseiten der Sparkassen? 
Es gab in der Vergangenheit Kritik an der Kundenfreundlichkeit des Systems, an der Notwendigkeit für den Kunden, sich neu zu registrieren. Wir haben aber aus den Erfahrungen gelernt, die Hürden weggenommen und ein neues, besseres System hingestellt, das die Vorteile der beiden bisherigen Systeme kombiniert.

Jetzt ermuntere ich doch alle Häuser, diesen neuen Weg mitzugehen. Wir haben hier die große Chance, mit den Instituten der Deutschen Kreditwirtschaft an einem Strang zu ziehen und mit einem Zahlverfahren aus einem Guss die Nummer eins zu werden.

„Je mehr Sparkassen mitmachen, desto eher ändern wir die Zahlungsgewohnheiten und können den Handel auf der Akzeptanzseite überzeugen, unsere Zahlverfahren nach oben zu priorisieren.“

3. Zusammenarbeit in der DK

Ziehen in der Deutschen Kreditwirtschaft tatsächlich alle an einem Strang? 
Ja. Wir konnten uns hier sogar als Sparkassen durchsetzen mit dem Ansatz, das neue System mit Giropay zu verbinden – und damit die Onlinebanking-Zugangsdaten als Zahlungsauslöser nutzbar zu machen. Allein die Onlinebanking-Zugangsdaten der Sparkassen werden 30 Millionen Mal am Tag genutzt. Es sind die am meisten genutzten Zugangsdaten im E-Commerce.  

Sparkassen, Privat- und Genossenschaftsbanken sind sich ja nicht immer einig. 
Sicher gibt es unterschiedliche Geschäftsstrategien, so mag etwa der eine ein kostenloses Girokonto in den Mittelpunkt rücken, während der andere dessen Werthaltigkeit betont. Und jeder hat eigene IT-Herausforderungen. Aber uns eint die Einsicht, dass wir die Girokonten stärken und gut ausstatten müssen.

Tatsächlich kooperieren wir ja bei Paydirekt, Giropay und Kwitt längst säulenübergreifend, und das von allen Bankengruppen gestützte Girocard-System hat sich gerade in der Coronakrise als beliebtestes Zahlungsmittel bewährt. Die Anzahl der Zahlungen per Girocard hat sich 2020 um fast 22 Prozent auf 5,5 Milliarden erhöht.

4. Zusammenarbeit mit dem Bundeskartellamt

Das Bundeskartellamt bleibt gelassen? 
Wir müssen in der Tat jeden #DK-Teilschritt mit dem Bundeskartellamt abstimmen, obwohl unsere Marktanteile im E-Commerce noch sehr gering sind. Aber das Amt trägt unsere bisherigen Schritte mit, und wir werden uns weiterhin gut mit ihm abstimmen, zumal wir künftig die Verhandlungskompetenz für Paydirekt erhöhen wollen, um direkte Verträge und Entgelt-Verhandlungen mit Händlern im E-Commerce führen zu dürfen.

Es ist ineffizient, dass Händler bei Vertragsverhandlungen mit jeder einzelnen Bank oder Verbundgruppe sprechen müssen. Ein Anbieter wie Paypal hat übrigens deutlich höhere Marktanteile als wir und darf sein Angebot ohne Probleme unter einer Marke mit einer Vertragskonstruktion anbieten.

Sie erwarten nicht, dass es irgendwann heißt: Bis hierhin, und nicht weiter. 
Angesichts unserer geringen Marktanteile glaube ich nicht, dass es hierzu Anlass gibt. Offen gesagt, das Problem hätte ich gern. Aktuell ist es so, dass wir quasi der Fintech sind. Übrigens liegt die Federführung der Deutschen Kreditwirtschaft ja aktuell bei der Sparkassen-Finanzgruppe, und meine Kollegen im DSGV arbeiten wirklich sehr konsistent, stringent und erfolgreich mit dem Kartellamt zusammen. 

„Es ist ineffizient, dass Händler bei Vertragsverhandlungen mit jeder einzelnen Bank oder Verbundgruppe sprechen müssen.“

5. Zusammenarbeit in der Sparkassen-Finanzgruppe

Am #DK-Projekt sind viele Unternehmen der Gruppe beteiligt, Landesbanken, DSV-Gruppe, FI, DSGV – wie bewerten Sie das Zusammenspiel? 
Der Konsens ist viel größer als viele glauben. Sicher gibt es unterschiedliche Schwerpunkte, je nachdem, welche Eigentumsrechte ein Unternehmen hat, aber wir stimmen uns regelmäßig ab und räumen mögliche Konflikte aus, bevor sie überhaupt entstehen können. Immerhin haben wir alle den Auftrag des DSGV-Fachausschusses Betrieb, die Bezahlverfahren erfolgreich weiterzuentwickeln. Das eint uns. 

Wie wird das neue Bezahlsystem finanziert?
Die Weiterentwicklung von Paydirekt, Giropay und Kwitt wird aus den bestehenden Etats der hier engagierten Kreditinstitute finanziert. Auch weiterhin werden wir viele Aktivitäten aus den bestehenden Mitteln finanzieren. Sollten beim Projekt #DK allerdings große Investitionen notwendig werden, würden die nicht aus den laufenden Budgets finanzierbar sein. 

Werden die Kosten eigentlich wieder eingespielt, und wenn ja, wann? 
Es ist geplant und notwendig, dass sich die Paydirekt GmbH langfristig refinanziert, über Transaktionen, Händlerentgelte oder einen Teilnahmebetrag, den die Sparkassen dafür bezahlen. Aber natürlich haben wir zunächst eine Anschubfinanzierung über ein Gemeinschaftsbudget eingebracht. 

Ist es schon klar, wie die Einnahmen auf die unterschiedlichen Gesellschafter verteilt werden? 
Es gab einen langen Diskussionsprozess in der Gruppe dazu, wie eine angemessene und faire Verteilung unter den Investoren aussieht. Aber das ist geklärt, wir sind hier immerhin schon seit sechs Jahren unterwegs.

Erst einmal räumen die Sparkassen den Heimatmarkt auf. Irgendwann sollen die Kundinnen und Kunden europaweit eine einheitliche Zahlungslösung nutzen können. 

6. Weiteres Vorgehen, EPI

Die neue Marke Giropay ist ja nur ein erster Schritt – welche weiteren Schritte sieht die Strategie der Sparkassen für digitales Bezahlen vor? 
Mit dem #DK-Projekt räumen wir den Heimatmarkt auf und bringen die Instrumente der Kreditwirtschaft auf ein angemessenes und kundenfreundliches Niveau. Im nächsten Schritt werden wir die Girocard integrieren. Kunden und Handel verlangen hier mittelfristig eine Omnikanallösung.

Und dann wird es darauf ankommen, die Verfahren international zu verankern, um Größenvorteile nutzen zu können. An einer einheitlichen europaweiten Zahlungslösung arbeiten wir ja in der European Payment Initiative, kurz EPI. 

Was ist das Ziel der European Payment Initiative
Die mittlerweile 33 in der EPI vertretenen Banken, Acquirer und Bankenverbände, darunter auch der DSGV, wollen eine europaweite Zahlungslösung entwickeln, mit der bisher national agierende Player gegen dominierende Anbieter aus Übersee wie Mastercard, Visa, Paypal, Google oder Apple konkurrieren können.

Wir müssen zumindest prüfen, ob wir nicht einen europäischen Payment-Channel aufstellen können, ohne unsere nationalen Zahlungsverkehrsgewohnheiten aufgeben zu müssen. Jeder bringt ein, was er hat. Wir suchen gemeinschaftlich das Beste aus oder bauen etwas Neues auf. 

 „Wir müssen zumindest prüfen, ob wir nicht einen europäischen Payment-Channel aufstellen können, ohne unsere nationalen Zahlungsverkehrsgewohnheiten aufgeben zu müssen. Jeder bringt ein, was er hat.“

Sie sind Vorsitzender des Verwaltungsrats der EPI-Interimsgesellschaft. Welche Eindrücke haben Sie bei der Zusammenarbeit mit anderen Banken gewonnen?
Die EPI Interim Company in Brüssel hat allein den Auftrag, die späteren Entscheidungen angemessen vorzubereiten. 40 Vollzeitmitarbeiter entwickeln über neun Monate hinweg Entscheidungsvorlagen zu Technologie, Business Case, Marken, Features oder zu möglichen Kooperationen zum Beispiel im Bereich technischer Standards mit Mastercard und Visa.

Ich finde es darüber hinaus ungewöhnlich und toll, dass man hier in Kompetenzen investiert, gute Leute vom Markt holt und einbindet. Wobei die EPI-Mitglieder unterschiedliche Prioritäten und Ausgangslagen haben. Deutschland und Frankreich etwa sind stark bei nationalen Kartensystemen, die Niederlande und Spanien verfügen über gute und stark genutzte E-Commerce- und P2P-Bezahlverfahren.

Hier gemeinschaftlich den besten Weg zu finden und die nationalen Gepflogenheiten zu berücksichtigen, ist anspruchsvoll. Durch meine Arbeit in der Sparkassen-Finanzgruppe bin ich aber einigermaßen gestählt, was solche Themen angeht.

Wie viel Geld und Zeit haben Sie dafür? Das Projekt ist im Juli 2020 gestartet, und nun dauert es allein neun Monate, um Entscheidungen vorzubereiten.
Der Zeitplan ist durchaus streng und ehrgeizig. Wir mussten eine Gesellschaft nach belgischem Recht gründen, gute Leute finden und einstellen, dann kam auch noch die Coronakrise. Da wurde nicht getrödelt. Das Budget, das sich unter 31 Banken und zwei Acquirern verteilt, liegt bei rund 30 Millionen Euro allein für die Interim Company. Damit kann man arbeiten.