Unsichtbar bezahlen in Amazon-Supermärkten

14.05.2020

Amazon baut mit einer kassenlosen Technologie eine eigene Handelsinfrastruktur auf und fasst damit noch stärker Fuß im Zahlungsverkehr und bei Kassensystemen. Experten sehen darin einen weiteren Schritt hin zu von Verbrauchern unbemerkten "Invisible Payments".

Die neuesten Entwicklungen beim Online-Versandhändler Amazon lassen aufhorchen. Anfang März bestätigte Dilip Kumar, Amazons Vice President of Physical Retail and Technology, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Amazon seine „Just-Walk-Out“-Technologie künftig an Dritte verkaufen möchte.

Bisher nutzte Amazon diese Technik ausschließlich für die eigenen Supermarkt-Filialen. Nur wenige Tage danach wurde bekannt, dass der US-amerikanische Airport-Filialist OTG Amazons kassenlose Checkout-Lösung bereits nutzen möchte.

Die Technologie hinter Amazons kassenlosen Läden

Seit 2018 eröffnet Amazon kassenlose Supermärkte. Über 20 „Amazon Go“-Filialen gibt es in den USA bereits. Bis 2021 will das Unternehmen die Zahl seiner stationären Filialen weltweit auf über 3000 erhöhen.

Zwar existieren bisher noch keine Filialen in Deutschland, doch Amazons Deutschland-Chef Ralf Kleber verkündete Anfang des Jahres, dass man darüber nachdenkt, Amazon-Go-Läden in Deutschland zu eröffnen.

Amazon setzt in den kassenlosen Geschäften auf Kameras, Sensoren, künstliche Intelligenz und das Smartphone des Kunden. Für den Einkauf in Amazons eige­nen Läden muss der Kunde ein Amazon-Konto besitzen und die Amazon-Go-App auf dem Smartphone installiert haben.

Um den Laden zu betreten, öffnet der Kunde die App und scannt den generierten Code an einem Drehkreuz. Über diesen Code ist der Kunde identifiziert. Laut Amazon basiert der Einkauf auf Objekterkennung – nicht auf Gesichtserkennung.

Nimmt der Kunde das Produkt aus dem Regal, so registrieren dies Hunderte im Geschäft verteilte Gewichtssensoren und Kameras und fügen das Produkt in den virtuellen Einkaufswagen des Kunden. Legt er es zurück, wird das Produkt wieder aus dem Einkaufswagen entfernt.

Beim Verlassen des Ladens wird über das eigene Amazon-Konto und die dort hinterlegte Bezahlmethode abgerechnet. Der Barcode muss nicht noch mal vorgezeigt werden.

Die Rechnung kommt einige Stunden später per E-Mail. Während die ersten Läden noch mit weniger als 200 Quadratmetern recht klein waren, demonstrierte Amazon mit „Go Grocery“, dass die kassenlose Techno­logie auch auf Verkaufsflächen von knapp 1000 Quadratmetern funktioniert.

Amazon.com akzeptiert in den USA unter anderem Debit- und Kredit­karten (Visa, Mastercard, Discover, American Express, Diners Club und JCB). Amazon.de erlaubt unter anderem Zahlungen per Kreditkarte oder per Bankeinzug. Fraglich ist, ob Zahlungsarten wie Geschenkgutscheine oder die Zahlung per Monatsabrechnung, die beim Online-Einkauf auf Amazon.de möglich sind, auch in deutschen Amazon-Go-Läden funktionieren würden.

Kassenlose Technologie? Gibt’s bei Amazon

Und nun möchte der Internet-Gigant diese Technik an Dritte verkaufen. Amazon liefert den Händlern sowohl die Soft- als auch Hardware für den kassenlosen Laden. Die „Just-Walk-Out“-Technik ist zudem schnell eingerichtet.

Wie Amazon erläutert, lassen sich Läden selbst im laufenden Betrieb innerhalb weniger Wochen mit der Technologie ausstatten. Statt des Amazon-Kontos können Kunden ihre Kreditkarte an den Drehkreuzen am Eingang nutzen. Diese wird nach dem Einkauf belastet.

Möchte der Kunde einen Beleg, so kann er seine E-Mail-Adresse an einem Kiosk im Laden hinterlegen. Er bekommt einen Beleg für den Einkauf und erhält diesen auch künftig, wenn er in einem Laden mit „Just-Walk-Out“-Technologie mit derselben Kreditkarte einkauft.

Jochen Fuchs, Wirtschaftsredakteur bei der „Welt“, beschreibt in einem Artikel pointiert, was Amazon mit der Freigabe seiner innovativen Technologie erreichen will: den Aufbau einer Handelsinfrastruktur im stationären Handel, ohne selbst die Filialen betreiben zu müssen.

Der Online-Riese stärkt danach seine eigene Markenbekanntheit, verdient am Einkauf bei der Konkurrenz und hält die Entwicklung von Wettbewerbsprodukten klein.

Fraglich ist, ob Händler – gerade im bargeldverliebten Deutschland – bereit sind, komplett auf digitale Bezahlverfahren zu setzen. Denn wenn sich ein Händler für die „Just-Walk-Out“-Technologie entscheidet, so verzichtet er auf Bargeld – und riskiert damit, die Kunden zu verlieren, die weiterhin mit Münzen und Scheinen bezahlen wollen.

Zwar nimmt der Anteil der Kartenzahlung am Gesamtumsatz des deut­schen Einzelhandels in den vergangenen Jahren stetig zu und lag 2018 erstmals überhaupt auf dem ersten Platz. Es ist aber in Deutschland schwer vorstellbar, dass in den nächsten Jahren das Bargeld komplett aus dem deutschen Handel verschwinden wird.

Die unverbrüchliche Treue der Deutschen zum Bargeld dürfte ein wichtiger Grund sein, warum sich das Amazon-Konzept mit „Invisible Payments“ in der deutschen Handelslandschaft wahrscheinlich nicht schnell und vor allem nicht flächendeckend verbreiten wird.

Zukunftsprognosen aus Studien

Bargeldentwicklung
So zeigt eine aktuelle Analyse von Barkow Consulting im Auftrag der ING Deutschland, dass deutsche Haushalte Ende 2019 insgesamt 253 Milliarden Euro Bargeld gehortet haben. Der Bargeldbestand hat damit allein 2019 um 32 Milliarden Euro beziehungsweise 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen.

Durchschnittlich entspricht das mehr als 3000 Euro für jeden Deutschen. Für die Erhebung wurde die Bargeldhaltung privater Haushalte innerhalb der letzten 20 Jahre in Deutschland ausgewertet.

EHI_Handlungsbedarf an Kassensystemen

 © EHI POS-Systeme 2020

Point-of-Sale-Entwicklung
Grundsätzlich steht der deutsche Handel den Zukunftsthemen „Self Checkout“ und „Self Scanning“ positiv gegenüber, wie die Handelsbefragung „POS-Systeme 2020“ des EHI Retail Institute (EHI) zeigt (siehe Abbildung 1). Heute haben demnach 40 Prozent der Befragten Self-Checkout- oder Self-Scanning-Systeme im Einsatz. Künftig wollten 60 Prozent der Unternehmen solche Systeme einsetzen.

Die Händler, die in den nächsten zwei Jahren Self-Service-Systeme einsetzen wollen, zeigen laut EHI eine noch stärkere Präferenz in Richtung Self-Scanning mit dem Kunden-Smartphone. 81 Prozent der Unternehmen planen das.

Dennoch liegt die komplett kassenlose Filiale hierzulande noch in weiter Ferne. Wie die gleiche Studie ergab, rutschte die Gesamtzahl der Kassen im deutschen Handel 2019 zwar erstmals unter die Millionengrenze (986.000 Kassen) und damit auf den niedrigsten Stand seit 23 Jahren.

Dennoch erhöhte sich aufgrund von Übernahmen und Zusammenschlüs­sen die durchschnittliche Zahl der Kassen pro Geschäft leicht von 2,15 auf 2,22. Da das EHI ein durchschnittliches Einsatzalter einer Kasse von 5,7 Jahren ermittelte, ist nicht abzusehen, dass die Kassen in den nächsten Jahren komplett aus den Geschäften verschwinden werden.

EHI_IT-Budgets

 © EHI POS-Systeme 2020

IT-Trends im Handel
Auch die Verwendung des vom Handel eingesetzten IT-Budgets (siehe Abbildung 2) spricht eher dagegen, dass Discounter und Handelsunternehmen das Thema „Kassenlose Filiale“ hierzulande mit Nachdruck vorantreiben werden.

EHI_Wichtige IT-Projekte

Laut der EHI-Studie „IT-Trends im Handel 2019“ lag das durchschnittl­iche IT-Budget im Jahr 2019 bei 1,46 Prozent vom Nettoumsatz. Hierbei sehen zwar die befragten Händler die Erneuerung der Kassen-Software und -Hardware als wichtiges IT-Projekt für die nächsten zwei Jahre, doch das Thema „Self Service“ rangiert mit einer Nennung von lediglich neun Prozent ganz am Ende der „wichtigen IT-Projekte“ (siehe Abbildung 3).

Laxer Umgang mit Daten durch US-amerikanische Unternehmen

Hinzu kommt, dass bisher völlig unklar ist, wie das Geschäftsmodell von Amazon aussieht und wie das Unternehmen seine „Just-Walk-Out“-Technologie bepreisen wird. Auf JustWalkOut.com erklärt Amazon nur: „Wir stellen alle nötigen Technologien zur Verfügung.“ Im Interview mit Reuters sprach Dilip Kumar von maßgeschneiderten Deals.

Es ist denkbar, dass Amazon seine Technologie als „Software-as-a-Service“-Lösung anbieten wird. Die Händler müssten Lizenzgebühren für die Nutzung zahlen und Amazon würde zusätzlich eine prozentuale Beteiligung an den Umsätzen erhalten.

Während es durchaus vorstellbar ist, dass große Discounter oder bun­des­weit agierende Handelsketten in Zukunfts-Technologien investieren, um kassenloses Einkaufen zumindest in repräsentativen Muster-Filialen in der Praxis zu testen, ist zweifelhaft, ob klein- und mittelständische Unternehmen fähig und willens sind, hohe Investitionen in kassenlose Systeme zu tätigen.

Umstritten ist auch das Thema Datensammlung. Die Daten laufen in der Amazon-Cloud AWS (Amazon Web Services) zusammen. Amazon weist zwar klar darauf hin, dass es ausschließlich erlaubt ist, mit den Daten den Betrieb des Systems zu gewährleisten.

Skeptiker befürchten dennoch, dass Amazon die Daten anderweitig auswerten und nutzen wird. Ein anonymer Einkauf ist nicht möglich. Gerade in Deutschland trifft ein kamerabasiertes System wie die „Just-Walk-Out“-Technologie auf große datenschutzrechtliche Bedenken.

Dem ehemaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar zufolge ist das System nicht mit europäischen Datenschutzbestimmungen kompatibel. Für den Kunden ist danach nicht nachvollziehbar, welche Daten von ihm gespeichert werden und was mit den Kamerabildern geschieht.

Darüber hinaus steht die Frage im Raum, wem die Daten, die während des Einkaufs gesammelt werden, gehören. Denn unbestreitbar möchten auch die Händler, die die Technologie einsetzen, weiterhin Einblicke in das Kaufverhalten ihrer Kunden erhalten.

Trend zum kassenlosen Bezahlen im deutschen Handel erkennbar

Wenn sich das Amazon-Konzept aufgrund der Besonderheiten im deutschen Handel auch nicht eins zu eins wird adaptieren lassen, so ist doch auch für Deutschland ein klarer Trend erkennbar: Das kassenlose Einkaufserlebnis in stationären Läden ist im Kommen. Im deutschen Handel ist ein Amazon-Go-Effekt zu spüren, so Cetin Acar, Projektleiter beim EHI Retail Institute. Die App „Koala“ oder „Payfree“ realisieren etwa kassenlose Bezahlsysteme auf ihre eigene Art – und ohne Kameras.

Projekt Koala
Mit der Einkaufs-App „Koala“ (Kauf ohne Aufwand und langes Anstehen) kann der Kunde sein Smartphone als Scanner verwenden. Nutzer laden die App herunter, registrieren sich mit ihrem Namen und Geburtsdatum und hinterlegen ein Zahlungsmittel (Girocard oder Kreditkarte).

Während des Einkaufs nutzen die Kunden das W-Lan des Ladens, um ihre Einkäufe per Scan in den virtuellen Einkaufswagen zu legen und anschließend zu bezahlen. Nach der Bezahlung erhält der Kunde einen Code, mit dem er die Ausgangsschranken öffnen kann. Bisher wird die App in vier Edeka-Filialen in Hamburg und Pinneberg eingesetzt.

Projekt Payfree
Das Pilotprojekt „Payfree“ von VR Payment und BMS Consulting setzt auf RFID-Technologie. Auch hier nutzt der Kunde für den Einkauf eine App, jedoch ist es nicht nötig, die Produkte selbst zu scannen. Der Kunde kann stattdessen mit gefüllter Einkaufstasche zum Warenausgang.

Dort betritt er eine RFID-Zone, in der die Produkte automatisch erkannt und anschließend gekauft werden. Der Kunde erkennt diese Prozessschritte an farbigen Feldern auf dem Boden.

Die Nutzungserlebnisse von Amazon Go und Payfree ähneln sich, doch die kassenlose Lösung der Genossen dürfte deutlich günstiger sein und kann auf die umstrittenen Kameras verzichten.

Und auch Amazons Innovationsmaschinerie bleibt nicht stehen. Das Unternehmen arbeitet bereits daran, statt des Smartphones die Hand des Kunden zur Identifikation zu nutzen.

Fazit

Virtuell und mobil, eingebettet und unsichtbar: Das Bezahlen von Waren wird sich in den kommenden Jahren auch im deutschen Handel deutlich verändern. Amazon zeigt mit seinen kassenlosen Supermärkten, wie das Einkaufserlebnis für die Kunden in Zukunft aussehen könnte.

Auch im deutschen Handel ist ein Trend zum kassenlosen Einkaufen erkennbar. Aufgrund der aktuell bestehenden IT-Infrastruktur sowie der nach wie vor hohen Bargeldliebe der deutschen Verbraucher werden sich Konzepte wie „Amazon Go“ hierzulande aber nicht in absehbarer Zeit in größerem Maßstab umsetzen lassen.